Warum Erfahrung allein noch keine Entwicklung bedeutet
- hollensteinmi
- 10. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
"Selbstreflexion ist der Ort, an dem Erfahrung aufhört, Recht haben zu müssen, und anfangen kann, Erkenntnis zu werden."
In letzter Zeit stolpere ich auf LinkedIn immer häufiger über Aussagen wie «Echte Führung bedeutet …», «Eine wahre Führungskraft …» oder «Ein wirklicher Leader muss …».
Danach folgt meist ein einzelner Aspekt von Führung, aus dem Gesamtkontext gelöst und zur entscheidenden Eigenschaft guter Führung erklärt.
Ich gebe zu, das nervt mich zunehmend.
Bei genauerem Hinsehen ist mir allerdings etwas Unangenehmes aufgefallen: So weit davon entfernt war mein eigener Auftritt bisher gar nicht.
Das nervt mich natürlich erst recht. ;-)
Ich könnte mir nun einige gute Gründe zurechtlegen, weshalb es bei mir trotzdem etwas anderes ist. Nur würde ich damit genau das verhindern, was mich als Führungskraft über viele Jahre begleitet und in meiner Entwicklung wohl am stärksten geprägt hat: Selbstreflexion.
Die Beobachtung betrifft zunächst meinen eigenen Auftritt auf LinkedIn. Der Mechanismus dahinter ist mir aus meiner Zeit als Führungskraft allerdings sehr vertraut.
Wir entwickeln Vorgehensweisen, sammeln damit Erfahrungen und irgendwann werden daraus Routinen. Gerade wenn diese funktionieren, gibt es wenig Anlass, sie infrage zu stellen.
Wenn ich als Führungskraft eines nicht besonders gut konnte, dann Dinge einfach deshalb weiterzumachen, weil man sie eben schon immer so gemacht hatte.
Auch wenn etwas funktionierte, habe ich mein Vorgehen immer wieder hinterfragt. Passt es noch zur Situation? Zu den Menschen, die davon betroffen sind? Zu meiner Verantwortung? Und vor allem: Passt es noch zu meinen Werten?
Das bedeutete nicht, ständig alles zu verändern.
Manchmal bestätigte die Reflexion den eingeschlagenen Weg. Ein anderes Mal musste ich mir eingestehen, dass meine Einschätzung nicht mehr passte oder mein Handeln eine andere Wirkung hatte, als ich beabsichtigt hatte.
Genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied zwischen Erfahrung und Entwicklung.
Erfahrung allein macht uns nicht automatisch besser in dem, was wir tun. Sie kann uns genauso gut darin bestärken, bestehende Muster immer weiter zu wiederholen. Und je länger wir etwas auf eine bestimmte Art gemacht haben, desto mehr Erfahrungen besitzen wir irgendwann sogar, mit denen wir unser Vorgehen begründen können.
Selbstreflexion verlangt etwas anderes.
Die eigene Wahrnehmung darf dabei genauso auf den Prüfstand wie unsere Entscheidungen und deren Wirkung. Nicht destruktiv und auch nicht mit dem Anspruch, ständig einen Fehler finden zu müssen.
Aber mit der Bereitschaft, nicht unbedingt Recht behalten zu wollen.
Für mich gehört dazu auch der regelmässige Abgleich mit meinen eigenen Werten. Nicht, weil sich diese ständig verändern. Das Grundgerüst bleibt erstaunlich stabil. Aber Situationen verändern sich, Menschen verändern sich und auch ich selbst entwickle mich weiter.
Was vor einigen Jahren richtig war, muss deshalb heute nicht automatisch falsch sein.
Es muss aber auch nicht mehr richtig sein.
Genau dort wird Selbstreflexion für mich zu einem wichtigen Teil von Selbstführung und Führung. Sie schafft den Raum zwischen dem, was wir erlebt haben, und dem, was wir daraus für unser zukünftiges Handeln ableiten.
Denn Erfahrung zeigt zunächst nur, was war.
Ob daraus Erkenntnis entsteht, hängt auch davon ab, wie bereit wir sind, unsere eigene Geschichte darüber zu hinterfragen.
Reflexionsimpuls
Wo erkläre ich mir mein eigenes Verhalten noch, obwohl es eigentlich an der Zeit wäre, es zu hinterfragen?
Gedanke für diese Woche
Erfahrung zeigt uns, was wir getan haben. Selbstreflexion entscheidet mit darüber, was wir daraus machen.





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