Was wissen wir wirklich über andere?
„Schweigen ist eine Beobachtung. Zustimmung ist eine Interpretation. Dazwischen liegt eine ungeklärte Frage.“
Eine Mitarbeiterin verhandelt ihr Gehalt nicht aktiv.
„Dann ist es ihr offenbar nicht so wichtig.“
Ein Mitarbeiter widerspricht einer Entscheidung nicht.
„Dann ist er einverstanden.“
Eine Mitarbeiterin nennt keine Karriereambitionen.
„Dann möchte sie sich offenbar nicht weiterentwickeln.“
Wir tun das vermutlich alle. Wir beobachten ein Verhalten und interpretieren, was es bedeutet.
Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Wir könnten unseren Alltag kaum bewältigen, wenn wir jede Wahrnehmung zuerst überprüfen müssten.
In einer Teamsitzung wird eine Entscheidung vorgestellt. Niemand widerspricht.
Was wissen wir danach tatsächlich?
Eigentlich nur, dass niemand widersprochen hat.
Ob die Mitarbeitenden einverstanden sind, noch darüber nachdenken, keinen Sinn im Widerspruch sehen oder ihre Bedenken nicht in dieser Runde äussern möchten, wissen wir nicht.
Trotzdem wird aus Schweigen schnell eine vermeintliche Zustimmung.
Dasselbe kann bei der Mitarbeiterin geschehen, die ihr Gehalt nicht verhandelt oder keine Karriereambitionen äussert. Vielleicht ist unsere Einschätzung richtig. Vielleicht kennen wir aber auch nur das sichtbare Verhalten und nicht die Gründe dahinter.
Als Führungskraft treffe ich auf Grundlage solcher Einschätzungen Entscheidungen. Auch über Entwicklung, Verantwortung, Vergütung oder die weitere Zukunft eines Menschen im Unternehmen.
Spätestens dann sollte ich mir bewusst sein, was ich tatsächlich weiss und was ich lediglich aus einer Beobachtung abgeleitet habe.
🎯 Manchmal lässt sich das einfach klären
„Ich habe den Eindruck, dass du im Moment keine zusätzliche Verantwortung übernehmen möchtest. Liege ich damit richtig?“
Vielleicht lautet die Antwort Ja. Vielleicht erfahre ich, dass die Person längst bereit wäre, mehr Verantwortung zu übernehmen, bisher aber von etwas anderem ausgegangen ist.
Natürlich kann und muss ich als Führungskraft nicht jede Annahme überprüfen. Wenn meine Interpretation aber eine wichtige Entscheidung über einen Menschen beeinflusst, möchte ich wissen, wie belastbar sie ist.
Denn auch das gehört für mich zur Führungsverantwortung: sich bewusst zu sein, auf welcher Grundlage man über andere Menschen entscheidet.
🔎 Reflexionsimpuls
Bei wem bin ich mir sicher zu wissen, was diese Person will, denkt oder beabsichtigt, obwohl ich sie nie danach gefragt habe?
💡 Praxistipp
Vor einer wichtigen Entscheidung über einen Menschen lohnt sich ein kurzer Abgleich: Was weiss ich tatsächlich und welchen Teil habe ich selbst ergänzt?
⁉️ Frage in die Runde
Wo liegt für euch die Grenze? Wann reicht die eigene Einschätzung und wann sollte man nachfragen, bevor daraus eine Entscheidung entsteht?





Kommentare